TRYDAY: The Conductive Desert: Absence / Longing / Saturation
TRYDAY: The Conductive Desert: Absence / Longing / Saturation
Tryday
Trydays sind einmalige öffentliche Veranstaltungen bei V2_, die Künstler*innen die Möglichkeit bieten, neue Arbeiten vor Publikum zu erproben. Diese Abende fungieren als offene Momente des Experimentierens, an denen Installationen, Performances und fortlaufende Recherchen geteilt und erkundet werden. Trydays schaffen Raum für Dialog, Feedback und den Austausch zwischen Kunstschaffenden und Publikum.
Flavia Dzodan ist eine in Amsterdam lebende argentinische Künstlerin, Autorin und Forscherin. Ihre Arbeit umfasst Klang, Bewegtbild, computergestützte Performance, Text und unabhängiges Publizieren und folgt dem politischen Eigenleben von Klassifikationen: wie koloniale Taxonomien, Institutionen und computationelle Systeme Territorium, Wahrnehmung und mögliche Zukünfte organisieren. Ihre aktuelle Forschung widmet sich Fragen affektiver Logistik, algorithmischen Heimsuchungen, Latenz und infrastruktureller Gewalt. Sie ist Professorin (Lector) und Leiterin von Algorithmic Cultures an der Gerrit Rietveld Academie und dem Sandberg Instituut.
The Conductive Desert: Absence / Longing / Saturation ist eine audiovisuelle Live-Performance von Flavia Dzodan und eine Fortführung von Absence / Longing / Saturation, die erstmals 2025 bei V2_ im Rahmen der Ausstellung The Illusion of Thinking gezeigt wurde.
Die vorangegangene Installation spürte Abwesenheit, Sehnsucht und Sättigung anhand von transatlantischer Latenz, vernetzter Übertragung und dem argentinischen Litoral nach. Während ihrer Entstehung drängte eine vierte Arbeit, Affective Asymptote II – Littoral Longings, über die ursprüngliche Trilogie hinaus und folgte dem Litoral landeinwärts zu jenen historischen Infrastrukturen, durch die Territorium für die Extraktion verfügbar gemacht wird. The Conductive Desert führt diese Bewegung weiter: von Atlantikkabeln und küstenseitiger Latenz hin zu kolonialer Desertifikation, Bergbau, Archivfilm, Luftgewalt und der historischen Produktion extrahierbaren Territoriums.
Für die erweiterte Fassung bei V2_ bringt die Performance den niederländischen Film Het Argentijnsche vleesch von 1919 in diesen historischen Kreislauf ein. Fünf Jahre vor dem Massaker von Napalpí im Jahr 1924 entstanden, präsentiert der Film Argentinien einem europäischen Publikum anhand von Viehzucht, Schlachtung, Fleisch, Territorium und Exportüberfluss. Seine Bedeutung für die Performance liegt genau in dieser Chronologie: Noch bevor das Massaker geschieht, macht ein visuelles Regime das argentinische Territorium bereits als produktiven Überfluss und exportierbare Ressource lesbar. Was das Bild verfügbar macht und was außerhalb seines Bildausschnitts verbleibt, wird Teil desselben historischen Feldes.
Die Performance entfaltet sich in vier miteinander verbundenen Abschnitten. Transatlantic Drift folgt der Route zwischen Amsterdam und dem argentinischen Litoral über Netzwerklatenz, geografische Koordinaten und transatlantische Glasfaserinfrastrukturen. The Apiri Probe wendet sich dem kolonialen Bergbau in den Anden zu und rekonstruiert das unwillkürliche „ay, ay“, das Charles Darwin bei indigenen und mestizischen Arbeitern dokumentierte, die gewaltige Lasten durch vertikale Minenschächte trugen. Hier erscheint der Körper als energetisches Substrat: metabolischer Aufwand, der in mechanischen Auftrieb transformiert wird. Transatlantic Conduction führt diese Systeme am argentinischen Litoral zusammen, wo Telegrafenkabel des 19. Jahrhunderts und zeitgenössische Glasfasernetze auf einen Küstenstreifen treffen, der von kolonialer Gewalt und den vuelos de la muerte der Diktatur gezeichnet ist. Signale durchqueren diese Territorien über Latenz, Paketverluste, Routing-Abweichungen und Degradation statt über reibungslose Verbindung.
Der vierte Satz, Los cuervos no volaban, wendet den leitenden Schaltkreis nach oben. Mit dem Massaker von Napalpí als historischem Gelenkpunkt untersucht er das Aviatische als logistische und administrative Position: eine vertikale Asymmetrie, von der aus Territorium vermessen, klassifiziert und manipuliert werden kann, während die Menschen am Boden dessen Konsequenzen ausgesetzt bleiben. Der niederländische Film tritt in diesen Satz als Bestandteil jener Wahrnehmungsarchitektur ein, die eine Landschaft des Überflusses unmittelbar vor der Gewalt erzeugt, durch die die territoriale Verfügbarkeit weiterhin durchgesetzt werden sollte. Das fünfjährige Intervall zwischen dem Film und Napalpí wird Teil der zeitlichen Struktur der Arbeit: Ein Bild des Fleischüberflusses geht einem Ereignis massiver Gewalt voraus, ohne dass eines von beiden auf eine bloße Illustration des anderen reduziert würde.
In diesem Projekt bezeichnet „Wüste“ keine leere Geografie. Es bezeichnet eine Operation, durch die bewohntes Territorium als leer, verzögert, unzureichend produktiv oder für eine andere Zukunft verfügbar gemacht wird. Die Arbeit folgt den Infrastrukturen, durch die Körper, Land, Bilder und Signale für Zirkulation, Extraktion und Steuerung neu organisiert werden. Der Klang wird durch SuperCollider, Netzwerkdaten, aus Livestreams gewonnene Signale, Archivspuren und gesprochenen Text erzeugt und transformiert. Anstatt historische Ereignisse zu rekonstruieren oder narrative Auflösungen anzubieten, bringt die Performance inkompatible Zeitlichkeiten in räumliche Nähe: koloniale Arbeit, Archivfilm, Massaker, Telegrafie, zeitgenössische Netzwerke und die alltägliche Zirkulation der Gegenwart.
Mit der Rückkehr zu V2_, wo die frühere Grammatik des Projekts von Abwesenheit, Sehnsucht und Sättigung erstmals installiert wurde, fragt diese erweiterte Fassung, was geschieht, wenn historische Gewalt nicht mehr als punktuelles Ereignis erscheint, sondern als Infrastruktur fortbesteht: eingeschrieben in jene Systeme, durch die sich Körper, Waren, Bilder und Signale weiterhin bewegen.
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