'In the babbler / that lives I demand to be inscribed' The work of Amelia Rosselli
'In the babbler / that lives I demand to be inscribed' The work of Amelia Rosselli
‘In the babbler / that lives I demand to be inscribed.’ Mit dieser vieldeutigen Zeile aus ihrer 1953 erschienenen Sammlung Variazioni belliche begreift Amelia Rosselli Einschreibung nicht als ein Fixieren von Sprache, sondern als das Begehren, in ein lebendiges, instabiles Feld von Stimmen einzutreten. Eingeschrieben zu sein bedeutet nicht einfach zu schreiben: Es bedeutet, Sprache und Geschichte zu bewohnen, sie von innen heraus zu transformieren und sich zugleich jenen Rhythmen, Erinnerungen und Formen zu überlassen, die einem historischen Unbewussten angehören.
Anhand von Manuskripten, Typoskripten, annotierten Büchern, Tonaufnahmen und Druckseiten untersucht die Ausstellung Einschreibung als materielle und mediale Praxis im Gesamtwerk Rossellis. Jeder Übergang – zwischen Schreibphasen, gesprochenem Wort und Text, Typoskript und Druck, „muskulären Bewegungen und mentalen Formen“ – erzeugt keine getreue Kopie, sondern eine neue Einschreibung, gezeichnet von Verzögerung, Übersetzung und Variation. Dieselbe Bewegung durchzieht Rossellis multilinguales Schreiben. Auf Italienisch, Englisch und Französisch verfassend, bewohnt und erschüttert sie zugleich die kanonischen Rhythmen und syntaktischen Ordnungen, über die sich jede Sprache herkömmlich einschreibt. Statt sich zwischen voneinander abgegrenzten Sprachsystemen zu bewegen, lässt Rosselli deren Prosodien interferieren und resonieren; sie schreibt sich gerade dadurch in die jeweilige Tradition ein, dass sie deren tradierte Maße verschiebt.
Rosselli betonte immer wieder, dass poetische Form nicht von ihrem klanglichen Leben zu trennen sei. Ihre metrischen Experimente zielten darauf ab, „dem Buchstaben gleichen klanglichen wie grafischen Raum zu geben“, und verweigerten jede simple Opposition zwischen dem Gehörten und dem Gesehenen. Die Ausstellung folgt diesen Grenzgängen zwischen Klang und Buchseite anhand von Praktiken poetischer Notation, ethnografischer Transkription und lyrischer Übertragung.
‘In the babbler / that lives I demand to be inscribed’ wird kuratiert von zero sharp (Maximilian Gillessen & Anton Stuckardt) und Andrea di Serego Alighieri.
zero sharp ist ein Berliner Verlag, dessen Schwerpunkt auf der Übersetzung von Literatur liegt, die über konventionelle narrative Formen hinausweist. Neben einem Fokus auf Vorläufer der Avantgarde wie Raymond Roussel, René Daumal oder Jean-Pierre Brisset widmet sich zero sharp der Übersetzung und Publikation weniger bekannter poetischer Stimmen. Für das Alphabetum kuratierten sie zuvor die Ausstellungen Roussel/Brisset/Duchamp – Engineers of the Infra-thin und Mount Analogue Observatory.
Andrea di Serego Alighieri ist Autor und Dozent. Er unterrichtet Schreiben und Typografie an der Royal Academy of Fine Arts Antwerp und promoviert im Fachbereich Medieval and Modern Languages an der University of Oxford mit einer Dissertation über Amelia Rosselli und Kamau Brathwaite.
Amelia Rosselli (Paris, 28. März 1930 – Rom, 11. Februar 1996) nimmt einen unverrückbaren Platz in der Poesie des zwanzigsten Jahrhunderts ein. Als Tochter der antifaschistischen Intellektuellen Carlo Rosselli und Marion Cave wuchs sie über geografische und sprachliche Grenzen hinweg auf, geprägt vom Exil und der Erfahrung, sich zwischen getrennten Geschichten und Biografien zu bewegen. Als dreisprachige Dichterin, die auf Italienisch, Englisch und Französisch schrieb, sowie als Musikwissenschaftlerin mit einem rigorosen Gespür für Klang, Rhythmus und Form stand Rosselli den Debatten und Umbrüchen der musikalischen Moderne des 20. Jahrhunderts – etwa der Atonalität und dem Serialismus – überaus nahe. Diese Auseinandersetzung prägte ein Werk, das sich der Zuordnung zu einer einzelnen sprachlichen oder literarischen Tradition widersetzt. Wie sie gegen Ende von Variazioni belliche schrieb: „Ich reime für ein anderes Jahrhundert“.
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